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Noch
immer fasziniert die Geschichte über das im Konflikt zwischen der
außerirdischen Rasse Na’vi und der Menschheit stehende Liebespaar
Jake Sully (Sam Worthington) und Neytiri (Zoë Saldaña) die
Zuschauer.
Nachdem das von Cineasten und Fan-Communitys lang
ersehnte, kürzlich mit zwei Golden Globes prämierte Werk durch
einen Wintereinbruch in den USA Mitte Dezember den finanziell
erfolgreichsten Kinostart knapp verpasst hatte, spielte es seine auf
250 bis 350 Millionen Dollar geschätzten Produktionskosten innerhalb
kurzer Zeit wieder ein.
Erzielt wurden die höchsten Einnahmen eines
Films in den jeweiligen vier Wochen nach seiner Premiere. Nur 17 Tage
benötigte das Science-Fiction-Abenteuer bis zum Überschreiten der
magischen Eine-Milliarde-Grenze und rangiert derzeit mit 1,620
Milliarden Dollar (Stand 18.1.2010) auf Platz 2 der nicht
inflationsbereinigten, weltweiten Bestenliste hinter „Titanic“
(1,848). Die Befürchtung einiger Kritiker, das ehrgeizige Projekt
„Avatar“ würde sich aufgrund des Budgets und der verwendeten
innovativen Technik – etwa das neu entwickelte 3D-Kamera-System
oder die Verschmelzung von Real-Aufnahmen mit überwiegend
computergenerierten Grafiken – als Flop an den Kinokassen
herausstellen, bewahrheitete sich nicht und erinnerte an
vergleichbare Bedenken im Vorfeld zu Camerons Kassenschlager
„Titanic“ aus dem Jahre 1997. Diesen könnte „Avatar“
angesichts weiterhin ausverkaufter Vorstellungen bald einholen, ist
er in mehreren Ländern wie Italien oder China doch erst im Januar
angelaufen. Um einen Wettstreit mit vier anderen Blockbustern auf dem
chinesischen Markt zu vermeiden, verlegte man dort deren
Veröffentlichungsdaten gleich nach hinten.
„Avatar“
und die neue Ästhetik des Kinos
Grund
für das enorme Einspielergebnis dürfte neben dem medialen Hype,
einem nicht zu vernachlässigenden Zuschlag, welchen Besucher für
3D-Kinos zahlen, die für Hollywood seit Längerem typische
Genre-Melange sein, eingebettet in die visuell beeindruckende Welt
des fiktiven Planeten Pandoras, welche ein breites Publikum
anspricht. In der Tat dominieren weder eine komplexe Narration –
Parallelen lassen sich zur Erzählstruktur von „Der mit dem Wolf
tanzt“ (1990) und „Pocahontas“ (1995) finden – noch eine
tiefe Charakterzeichnung der Protagonisten, ausgenommen Sigourney
Weaver als selbstbewusste Wissenschaftlerin Dr. Grace Augustine. Im
Mittelpunkt des bildgewaltigen Spektakels stehen erwartungsgemäß
die in Debatten über postmoderne Tendenzen oft als Oberflächenreize
beschriebenen Schauwerte – seien es die zahlreichen Action-Szenen
der Schlacht zwischen den einheimischen Na’vi und dem skrupellosen
RDA-Konzern oder der exotische Schauplatz an sich. Sobald sich vor
den Augen des Rezipienten zum ersten Mal das fantastische Panorama
aus schwebenden Felsformationen und dichtem Tropenwald eröffnet,
begibt er sich hinab in eine scheinbare Unterwasserlandschaft.
Hobby-Taucher Cameron beschäftigt sich nicht erst seit „Abyss –
Abgrund des Todes“ (1989) mit den unerforschten Tiefen der Meere
und lässt nun nachts farbenprächtige Drachen an der Seite von
elegant anmutenden Quallen durch fluoreszierende Baumwipfel gleiten.
Immer wieder kontrastieren surreale Momente die naturalistische
Tricktechnik, welche den Eindruck von Authentizität vermittelt. Am
anschaulichsten wird dieses Erlebnis im Moment, wenn sich der
verletzte Soldat Jake und die rund ein Meter größere Neytiri des
Stammes der Na’vi gegen Ende umarmen. Denn durch den Transfer von
Mimik und Gestik der realen Darstellerin auf den blauen,
katzenähnlichen virtuellen Körper per Motion Capture besitzen ihre
Regungen jene Lebendigkeit und Glaubwürdigkeit, die den Figuren in
Hironobu Sakaguchis „Final Fantasy: Die Mächte in dir“ (2001)
und selbst Robert Zemeckis jüngsten Filmen „Der Polarexpress“
(2004), „Die Legende von Beowulf“ (2007) oder „Disneys Eine
Weihnachtsgeschichte“ (2009) noch fehlten. Das Publikum genießt
die gelungene Verschmelzung des Pixel-Kosmos mit der eigenen
Erfahrungswirklichkeit, nimmt jedoch simultan die Rolle des
akribischen Prüfers ein, indem es versucht, feine Unstimmigkeiten im
Bewegungsablauf, der Textur oder Schattierung von Neytiris Haut
festzustellen. Bisher wurden menschliche Züge lediglich einzelnen
Kreaturen wie Gollum aus Peter Jacksons „Der Herr der
Ringe“-Trilogie (2001 – 2003) und King Kong des gleichnamigen
Remakes (2005) zugeschrieben. Auch animierte Akteure der DreamWorks-
oder Pixar-Studios erzeugen diese als Uncanny-Valley-Effekt
bezeichnete Illusion, seit diesem Jahr („Oben“) sogar in der
dritten Dimension. Allerdings finden sich hier stets abstrakte, weil
im Comic-Stil gestaltete Wesen, deren Verhalten anthropomorphisiert
wird.
Auch
wenn häufig generalisierende Behauptungen, „Avatar“ habe das
Kino revolutioniert, wegen der Kombination schon etablierter
digitaler Verfahren problematisch sind, zeigen sich Unterschiede zu
seinen Vorgängern unter visuellen Gesichtspunkten: Erstmals widmet
sich ein aufwändiger 3D-Film – zur Verfügung stehen auch das
IMAX 3D- und traditionelle 2D-Format – einem ernsteren, nicht
primär auf Kinder zugeschnittenen Thema ohne eine von der Handlung
ablenkende Effekthascherei in Form von auf das Publikum zu fliegenden
oder fahrenden Gegenständen. Der Umgang mit der Tiefenwirkung
erfolgt größtenteils mit einer unaufdringlichen
Selbstverständlichkeit, sodass Pandoras Sphären sinnlich
erfahrbarer werden und sich selbst die räumlich angeordneten
Untertitel der Na’vi-Sprache harmonisch in die Mise-en-scène
fügen. Der 3D-Boom des 21. Jahrhunderts hat begonnen und soll dem
Kino wie zur Zeit des aufkommenden Fernsehens während der
1950er-Jahre neue Attraktivität verleihen.
Natur
versus Technik
Fragen
wirft „Avatar“ dennoch auf inhaltlicher sowie filmtheoretischer
Ebene auf: So kann man gespannt sein, in welche Richtung sich das
Verständnis des klassischen Auteurs als geistiger, kreativer Urheber
entwickelt, wenn kommerziell erfolgreiche Filmschaffende wie Cameron
als Produzent, Regisseur, Drehbuchautor, zum Teil Cutter fungieren
und die Softwareentwicklung das Imaginieren neuer Zukunftsvisionen
zunehmend beeinflusst. Wie ist ferner die Leistung der Schauspieler
zu beurteilen, zwischen deren Agieren vor der Kamera und dem späteren
Kinobild verstärkt Verarbeitungsschritte und digitale Rechenprozesse
treten? Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass ebenfalls eine
Maschine Jake die Verbindung zu seinem steuerbaren Avatar, einem aus
Na’vi- und menschlicher DNA gekreuzten Wesen, ermöglicht: Der
Apparat als notwendige Brücke in eine andere Welt. Die deutliche,
zuweilen esoterisch dargebotene ökologische Botschaft verkündet
„Avatar“, indem hoch technisiertes Militär eine fremde, später
siegende Spezies angreift und ihren Naturraum zerstört. Diesem wird
aber paradoxerweise erst via Computer auf der Leinwand Leben
eingehaucht, da jede Pflanze künstlich erzeugt und Neuseeland von
der Filmcrew nicht wegen des Dschungels als Drehort, sondern des
dortigen Studios aufgesucht worden war. Natur scheint ausschließlich
mittels Technik denkbar. Oder ist es erst die stete Dichotomie beider
Konzepte, welche das Charakteristikum des Mediums Film bilden?
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