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James Camerons „Avatar – Aufbruch nach Pandora” bleibt auf Rekordjagd
Geschrieben von Simon Rehbach   
Dienstag, 19. Januar 2010
Noch immer fasziniert die Geschichte über das im Konflikt zwischen der außerirdischen Rasse Na’vi und der Menschheit stehende Liebespaar Jake Sully (Sam Worthington) und Neytiri (Zoë Saldaña) die Zuschauer.  Nachdem das von Cineasten und Fan-Communitys lang ersehnte, kürzlich mit zwei Golden Globes prämierte Werk durch einen Wintereinbruch in den USA Mitte Dezember den finanziell erfolgreichsten Kinostart knapp verpasst hatte, spielte es seine auf 250 bis 350 Millionen Dollar geschätzten Produktionskosten innerhalb kurzer Zeit wieder ein.



  Erzielt wurden die höchsten Einnahmen eines Films in den jeweiligen vier Wochen nach seiner Premiere. Nur 17 Tage benötigte das Science-Fiction-Abenteuer bis zum Überschreiten der magischen Eine-Milliarde-Grenze und rangiert derzeit mit 1,620 Milliarden Dollar (Stand 18.1.2010) auf Platz 2 der nicht inflationsbereinigten, weltweiten Bestenliste hinter „Titanic“ (1,848). Die Befürchtung einiger Kritiker, das ehrgeizige Projekt „Avatar“ würde sich aufgrund des Budgets und der verwendeten innovativen Technik – etwa das neu entwickelte 3D-Kamera-System oder die Verschmelzung von Real-Aufnahmen mit überwiegend computergenerierten Grafiken – als Flop an den Kinokassen herausstellen, bewahrheitete sich nicht und erinnerte an vergleichbare Bedenken im Vorfeld zu Camerons Kassenschlager „Titanic“ aus dem Jahre 1997. Diesen könnte „Avatar“ angesichts weiterhin ausverkaufter Vorstellungen bald einholen, ist er in mehreren Ländern wie Italien oder China doch erst im Januar angelaufen. Um einen Wettstreit mit vier anderen Blockbustern auf dem chinesischen Markt zu vermeiden, verlegte man dort deren Veröffentlichungsdaten gleich nach hinten.


Avatar“ und die neue Ästhetik des Kinos


Grund für das enorme Einspielergebnis dürfte neben dem medialen Hype, einem nicht zu vernachlässigenden Zuschlag, welchen Besucher für 3D-Kinos zahlen, die für Hollywood seit Längerem typische Genre-Melange sein, eingebettet in die visuell beeindruckende Welt des fiktiven Planeten Pandoras, welche ein breites Publikum anspricht. In der Tat dominieren weder eine komplexe Narration – Parallelen lassen sich zur Erzählstruktur von „Der mit dem Wolf tanzt“ (1990) und „Pocahontas“ (1995) finden – noch eine tiefe Charakterzeichnung der Protagonisten, ausgenommen Sigourney Weaver als selbstbewusste Wissenschaftlerin Dr. Grace Augustine. Im Mittelpunkt des bildgewaltigen Spektakels stehen erwartungsgemäß die in Debatten über postmoderne Tendenzen oft als Oberflächenreize beschriebenen Schauwerte – seien es die zahlreichen Action-Szenen der Schlacht zwischen den einheimischen Na’vi und dem skrupellosen RDA-Konzern oder der exotische Schauplatz an sich. Sobald sich vor den Augen des Rezipienten zum ersten Mal das fantastische Panorama aus schwebenden Felsformationen und dichtem Tropenwald eröffnet, begibt er sich hinab in eine scheinbare Unterwasserlandschaft. Hobby-Taucher Cameron beschäftigt sich nicht erst seit „Abyss – Abgrund des Todes“ (1989) mit den unerforschten Tiefen der Meere und lässt nun nachts farbenprächtige Drachen an der Seite von elegant anmutenden Quallen durch fluoreszierende Baumwipfel gleiten. Immer wieder kontrastieren surreale Momente die naturalistische Tricktechnik, welche den Eindruck von Authentizität vermittelt. Am anschaulichsten wird dieses Erlebnis im Moment, wenn sich der verletzte Soldat Jake und die rund ein Meter größere Neytiri des Stammes der Na’vi gegen Ende umarmen. Denn durch den Transfer von Mimik und Gestik der realen Darstellerin auf den blauen, katzenähnlichen virtuellen Körper per Motion Capture besitzen ihre Regungen jene Lebendigkeit und Glaubwürdigkeit, die den Figuren in Hironobu Sakaguchis „Final Fantasy: Die Mächte in dir“ (2001) und selbst Robert Zemeckis jüngsten Filmen „Der Polarexpress“ (2004), „Die Legende von Beowulf“ (2007) oder „Disneys Eine Weihnachtsgeschichte“ (2009) noch fehlten. Das Publikum genießt die gelungene Verschmelzung des Pixel-Kosmos mit der eigenen Erfahrungswirklichkeit, nimmt jedoch simultan die Rolle des akribischen Prüfers ein, indem es versucht, feine Unstimmigkeiten im Bewegungsablauf, der Textur oder Schattierung von Neytiris Haut festzustellen. Bisher wurden menschliche Züge lediglich einzelnen Kreaturen wie Gollum aus Peter Jacksons „Der Herr der Ringe“-Trilogie (2001 – 2003) und King Kong des gleichnamigen Remakes (2005) zugeschrieben. Auch animierte Akteure der DreamWorks- oder Pixar-Studios erzeugen diese als Uncanny-Valley-Effekt bezeichnete Illusion, seit diesem Jahr („Oben“) sogar in der dritten Dimension. Allerdings finden sich hier stets abstrakte, weil im Comic-Stil gestaltete Wesen, deren Verhalten anthropomorphisiert wird.

Auch wenn häufig generalisierende Behauptungen, „Avatar“ habe das Kino revolutioniert, wegen der Kombination schon etablierter digitaler Verfahren problematisch sind, zeigen sich Unterschiede zu seinen Vorgängern unter visuellen Gesichtspunkten: Erstmals widmet sich ein aufwändiger 3D-Film – zur Verfügung stehen auch das IMAX 3D- und traditionelle 2D-Format – einem ernsteren, nicht primär auf Kinder zugeschnittenen Thema ohne eine von der Handlung ablenkende Effekthascherei in Form von auf das Publikum zu fliegenden oder fahrenden Gegenständen. Der Umgang mit der Tiefenwirkung erfolgt größtenteils mit einer unaufdringlichen Selbstverständlichkeit, sodass Pandoras Sphären sinnlich erfahrbarer werden und sich selbst die räumlich angeordneten Untertitel der Na’vi-Sprache harmonisch in die Mise-en-scène fügen. Der 3D-Boom des 21. Jahrhunderts hat begonnen und soll dem Kino wie zur Zeit des aufkommenden Fernsehens während der 1950er-Jahre neue Attraktivität verleihen.


Natur versus Technik


Fragen wirft „Avatar“ dennoch auf inhaltlicher sowie filmtheoretischer Ebene auf: So kann man gespannt sein, in welche Richtung sich das Verständnis des klassischen Auteurs als geistiger, kreativer Urheber entwickelt, wenn kommerziell erfolgreiche Filmschaffende wie Cameron als Produzent, Regisseur, Drehbuchautor, zum Teil Cutter fungieren und die Softwareentwicklung das Imaginieren neuer Zukunftsvisionen zunehmend beeinflusst. Wie ist ferner die Leistung der Schauspieler zu beurteilen, zwischen deren Agieren vor der Kamera und dem späteren Kinobild verstärkt Verarbeitungsschritte und digitale Rechenprozesse treten? Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass ebenfalls eine Maschine Jake die Verbindung zu seinem steuerbaren Avatar, einem aus Na’vi- und menschlicher DNA gekreuzten Wesen, ermöglicht: Der Apparat als notwendige Brücke in eine andere Welt. Die deutliche, zuweilen esoterisch dargebotene ökologische Botschaft verkündet „Avatar“, indem hoch technisiertes Militär eine fremde, später siegende Spezies angreift und ihren Naturraum zerstört. Diesem wird aber paradoxerweise erst via Computer auf der Leinwand Leben eingehaucht, da jede Pflanze künstlich erzeugt und Neuseeland von der Filmcrew nicht wegen des Dschungels als Drehort, sondern des dortigen Studios aufgesucht worden war. Natur scheint ausschließlich mittels Technik denkbar. Oder ist es erst die stete Dichotomie beider Konzepte, welche das Charakteristikum des Mediums Film bilden?

 

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